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Videobeweis (VAR) erklärt: So funktioniert der Video-Assistent

Der Video-Assistent soll klare Fehler korrigieren, nicht jede strittige Szene neu entscheiden. Hier lesen Sie, wann der VAR eingreifen darf, wie ein Check abläuft und was sich mit der Saison 2026/27 ändert.

Aktualisiert: 5 Min. Lesezeit

Seit der Saison 2017/18 gibt es den Videobeweis in der Bundesliga, seit 2019/20 auch in der 2. Bundesliga. Kaum eine Neuerung hat den deutschen Fußball so polarisiert: Für die einen bringt er Gerechtigkeit, für die anderen zerstört er den Torjubel. Viele Diskussionen entstehen allerdings, weil unklar ist, was der Video-Assistent überhaupt darf. Grundlage sind die IFAB Laws of the Game 2026/27 mit dem VAR-Protokoll, das auch DFB und DFL anwenden. Kern des Protokolls: minimale Einmischung, maximaler Nutzen.

Wer ist der VAR?

Der Video-Assistent (VAR) ist ein Schiedsrichter, der das Spiel auf mehreren Bildschirmen verfolgt. In Deutschland sitzt er im Video-Assist-Center in Köln-Deutz – im Volksmund „Kölner Keller“. Unterstützt wird er von einem Assistenten (AVAR) und Operatoren, die Kameraperspektiven auswählen und Abseitslinien ziehen. Per Funk ist er mit dem Schiedsrichter im Stadion verbunden.

Der VAR überprüft im Hintergrund jede relevante Szene („Check“). Meist bemerken die Zuschauer davon nichts, weil keine Korrektur nötig ist. Nur wenn er einen klaren Fehler sieht, meldet er sich.

Die vier überprüfbaren Situationen

Situation Was geprüft wird
Tor / kein Tor Vergehen in der Angriffsphase (Foul, Handspiel, Abseits), Ball im Aus, Ball hinter der Linie
Strafstoß / kein Strafstoß Foul oder Handspiel, Ort des Vergehens (innerhalb oder außerhalb des Strafraums), Vergehen in der Angriffsphase
Direkte Rote Karte übersehene oder klar falsche Feldverweise
Spielerverwechslung falscher Spieler wurde verwarnt oder des Feldes verwiesen

Alles andere – normale Freistöße, Einwürfe, einfache Gelbe Karten – bleibt außerhalb des Protokolls. Ein klar falscher Eckstoß etwa wird ohne entsprechende Wettbewerbsregel nicht korrigiert.

„Klare und offensichtliche Fehlentscheidung“

Der VAR greift nur ein, wenn eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung oder ein schwerwiegendes übersehenes Vergehen vorliegt. Die Frage ist also nicht „Wie hätte der VAR entschieden?“, sondern „War die Entscheidung auf dem Platz eindeutig falsch?“. Ein leichter Kontakt im Strafraum, den man so oder so bewerten kann, ist kein Fall für den Videobeweis – das ist der häufigste Grund für Frust bei Fans, die eine Szene in der Zeitlupe anders sehen.

Faktenentscheidung oder On-Field-Review?

Es gibt zwei Wege, eine Entscheidung zu korrigieren:

VAR-only Review

Bei Faktenentscheidungen reicht die Information des VAR. Dazu gehören:

  • Abseitsposition (Linie gezogen)
  • Ball im Aus oder hinter der Torlinie
  • Ort des Vergehens (Strafraum ja oder nein)

Der Schiedsrichter übernimmt das Ergebnis direkt, ohne selbst an den Monitor zu gehen.

On-Field-Review (OFR)

Bei Ermessensentscheidungen – war es ein Foul? Ein strafbares Handspiel? Grobes Foulspiel? – empfiehlt der VAR eine Überprüfung. Der Schiedsrichter zeigt mit beiden Händen das Rechteck eines Bildschirms an, geht zur Review Area am Spielfeldrand und sieht sich die Szene selbst an. Erst danach entscheidet er. Die letzte Entscheidung trifft immer der Schiedsrichter, nicht der VAR.

In immer mehr Wettbewerben erklärt der Schiedsrichter seine Entscheidung nach einem Review anschließend per Lautsprecher im Stadion und im Fernsehen.

Abseits und halbautomatische Technik

Bei knappen Abseitsszenen ziehen die Operatoren kalibrierte Linien auf das Standbild im Moment der Ballabgabe. Maßgeblich sind die Körperteile, mit denen ein Tor erzielt werden darf – Arme zählen nicht. In internationalen Top-Wettbewerben unterstützt die halbautomatische Abseitstechnologie (SAOT): Spezialkameras verfolgen die Körperpunkte der Spieler, ein Sensor im Ball bestimmt den genauen Abspielmoment. Wie die Abseitsregel selbst funktioniert, erklärt der Ratgeber Abseitsregel.

Neuerungen beim VAR 2026/27

Mit den Regeln 2026/27 hat das IFAB den Spielraum des Videobeweises leicht erweitert. Diese Optionen gelten nur, wenn ein Wettbewerb sie übernimmt:

  • Zweite Gelbe Karte: Der VAR darf eine klar falsche zweite Verwarnung prüfen, die zu einem Feldverweis geführt hat.
  • Verwechslung des Teams: Nicht nur ein falscher Spieler, sondern auch ein falsch bestraftes Team kann korrigiert werden.
  • Eckstoß: Ein klar falsch gegebener Eckstoß darf überprüft werden, sofern das ohne Verzögerung der Spielfortsetzung möglich ist.

Ob DFL und DFB diese Optionen in Bundesliga und DFB-Pokal anwenden, regeln die Durchführungsbestimmungen der laufenden Saison.

Football Video Support: Videobeweis per Challenge

Nicht jeder Wettbewerb kann sich einen VAR mit eigenem Studio leisten. Für Wettbewerbe mit weniger Ressourcen und Jugendturniere testet die FIFA deshalb das Football Video Support (FVS). Dabei gibt es keinen permanent prüfenden Video-Assistenten: Stattdessen dürfen die Trainer pro Spiel zwei Challenges nutzen, um eine Überprüfung zu verlangen. Auch im Futsal setzt die FIFA eine solche Video-Unterstützung ein. Im deutschen Amateurfußball gibt es keinen Videobeweis.

Häufige Missverständnisse

  • „Der VAR hat entschieden.“ Formal nie: Er empfiehlt, der Schiedsrichter entscheidet.
  • „Jede Szene wird überprüft.“ Gecheckt wird viel, korrigiert nur bei klaren Fehlern in den vier Kategorien.
  • „Der VAR darf jede Gelbe Karte zurücknehmen.“ Nein, einfache Verwarnungen sind ausgeschlossen.
  • „Nach einem Tor darf man nicht mehr zurück.“ Doch – solange das Spiel nicht fortgesetzt wurde. Ist der Anstoß erfolgt, ist die Entscheidung in der Regel endgültig (Ausnahmen: Verwechslung und bestimmte Feldverweise).
  • „Der VAR bewertet die Angriffsphase beliebig weit zurück.“ Geprüft wird nur der Angriff, aus dem das Tor oder der Strafstoß entstanden ist.

Was der VAR mit der Spielzeit macht

Jede Überprüfung kostet Zeit – ein On-Field-Review dauert oft ein bis drei Minuten. Diese Zeit wird nachgespielt, weshalb Nachspielzeiten heute länger ausfallen. Wie sich ein Spiel insgesamt zusammensetzt, lesen Sie im Ratgeber Wie lange dauert ein Fußballspiel?. Wer Szenen mit seinem Team nachbespricht, kann Laufwege und Positionen auf unserer Taktiktafel nachstellen. Für Spiele ohne Videobeweis, etwa beim Vereinsturnier, behält die Online-Anzeigetafel Zeit und Spielstand im Blick.

Kurz zusammengefasst

Der Videobeweis korrigiert nur klare Fehler in vier Situationen: Tor, Strafstoß, direkte Rote Karte und Verwechslung. Faktenfragen wie Abseits klärt der VAR selbst, bei Ermessensfragen schaut der Schiedsrichter am Monitor nach. Das letzte Wort hat immer der Unparteiische auf dem Platz. Mit 2026/27 können Wettbewerbe den VAR zusätzlich auf Gelb-Rot, falsch bestrafte Teams und klar falsche Eckstöße ausweiten.

Häufige Fragen

Wann darf der VAR eingreifen?

Nur bei vier spielentscheidenden Situationen: Tor oder kein Tor, Strafstoß oder kein Strafstoß, direkte Rote Karte und Spielerverwechslung. Voraussetzung ist eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung oder ein übersehenes schweres Vergehen.

Was ist der Kölner Keller?

So nennen Fans das Video-Assist-Center in Köln, von dem aus die Video-Assistenten Spiele der Bundesliga und 2. Bundesliga überwachen. Die Schiedsrichter im Stadion sind per Funk mit ihnen verbunden.

Wer trifft beim Videobeweis die Entscheidung?

Immer der Schiedsrichter auf dem Platz. Der VAR empfiehlt eine Überprüfung; bei Ermessensfragen schaut sich der Schiedsrichter die Szene selbst am Monitor an und entscheidet dann.

Kann der VAR eine Gelbe Karte zurücknehmen?

Einfache Gelbe Karten werden nicht überprüft. Ab 2026/27 dürfen Wettbewerbe aber zulassen, dass der VAR eine klar falsche zweite Gelbe Karte prüft, die zu Gelb-Rot geführt hat.

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